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John, Jordan und James, wann und wie ist die Entscheidung gefallen, eine Rockoper zu komponieren? Gibt es einen aktuellen Anlass? Existiert für THE ASTONISHING ein klassisches Vorbild, beispielsweise TOMMY oder THE WALL?

John Petrucci: Wir sprachen intern schon seit längerem darüber, dass die Zeit für ein weiteres Konzeptalbum reif sei. SCENES FROM A MEMORY liegt immerhin 14 Jahre zurück. Vor etwa zweieinhalb Jahren reiften in meinem Kopf eine konkrete musikalische Idee und die Vision einer großen Geschichte. Beides zusammen findet man jetzt auf THE ASTONISHING. Der Plan war von Beginn an, sowohl eine epische Produktion mit richtigem Orchester, Chor, traditionellen Instrumenten wie Klavier, Orgel, Dudelsack, etc. zu erschaffen, aber auch eine eigenständige Dream Theater-Show, die in speziellen Venues wie Konzerthallen, Opern- oder Balletthäusern stattfindet. Inspiriert wurde ich von einigen meiner Lieblingsfilme wie ´Star Wars`, ´Herr der Ringe` oder ´Game Of Thrones`. Außerdem bin ich großer Fan von ´Jesus Christ Superstar`. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch Pink Floyds THE WALL, das bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, weil es um weit mehr als nur um die reine Musik ging, sondern auch um die Geschichte, den Film, um die wunderbaren Animationen und die opulente Live-Show.

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Waren die Arbeiten an einem dermaßen ambitionierten Projekt schwieriger als die an bisherigen Dream Theater-Veröffentlichungen?

Jordan Rudess: Generell gehen wir an jedes Album mit gleichgroßen Ambitionen heran, doch diesmal mussten wir natürlich viel mehr Dinge als sonst berücksichtigen. Die tolle Geschichte mit ihren zahlreichen Details forderte von uns in jedem Bereich vollste Aufmerksamkeit. Als John mir seine musikalische Vision erklärte und wir mit dem Songwriting begannen, war seine Energie die pure Inspiration für mich. Für uns fühlten sich die Arbeiten an diesem Album ähnlich wie die an einem Film-Soundtrack an, bei dem sich die Geschichte, die einzelnen Charaktere auch in der Musik widerspiegeln. Und obwohl wir jede Menge Herzblut und Leidenschaft investiert haben war es durchaus eine besondere Herausforderung, denn aufgrund der spannenden Geschichte wollten wir etwas Neues ausprobieren, etwas, das es bei Dream Theater so noch nicht gegeben hat.

John Petrucci: Außerdem stand von Beginn an fest, dass die komplette Scheibe in eine spezielle zweistündige Show einfließen soll, unterteilt in zwei Akte. Wobei die Tatsache, dass wir eine konkrete Geschichte zu vertonen hatten, beim Komponieren enorm half. Wir saßen diesmal eben nicht im Studio und überlegten uns, welche Art Songs wir schreiben wollen, sondern hatten eine klare konzeptionelle Vorlage, an der wir uns entlang hangeln konnten.     
Was ist der signifikanteste Unterschied beispielsweise zu SCENES FROM A MEMORY?

John Petrucci: Bei beiden Werken handelt es sich um Konzeptalben mit in sich geschlossenen Geschichten. SCENES FROM A MEMORY ist jedoch deutlich kürzer und besitzt bei Weitem nicht so viele konzeptionelle Details wie THE ASTONISHING, das in der Zukunft spielt und in gewisser Weise auch einen wissenschaftlichen Ansatz hat. Außerdem gibt es auf THE ASTONISHING ein richtiges Orchester und einen Chor, plus einige für uns ungewöhnliche Instrumente.

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Wie ist Album aufgebaut?

John Petrucci: THE ASTONISHING erscheint als Doppel-CD, mit dem ersten Akt auf CD 1 und dem zweiten Akt auf CD 2. Zu Beginn des ersten Aktes werden sämtliche Charaktere vorgestellt. Nach fünf oder sechs Songs kennt man dann alle handelnden Personen. Wie bei einer klassischen Oper oder einem Broadway Musical hat man mit dem letzten Song des ersten Aktes die gesamte Problematik der Geschichte erfasst und kennt das Ziel der Hauptfiguren. Im zweiten Akt geht es dann um den konkreten Konflikt, weshalb er für mein Empfinden auch dunkler und dramatischer als der erste Akt ausgefallen ist.
Hat die Geschichte eine Botschaft, ein Resümee, eine Moral?

Jordan Rudess: Ein interessanter Punkt! THE ASTONISHING thematisiert die Frage, inwieweit zukünftig Roboter die Funktionen menschlicher Wesen übernehmen. Unsere Geschichte spielt in der Zukunft, etwa 300 Jahre von heute, und wirft die Frage auf, ob früher oder später Technologie die Kontrolle über das besitzen wird, was wir Spiritualität, Menschlichkeit, Kreativität nennen. Ein beängstigender Gedanke. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen rund um die Uhr auf Bildschirme starren, sich stundenlang mit Computern beschäftigen und ihnen schon heute die Kontrolle über einige Bereiche überlassen. Technologie ist zwar nicht per se negativ, es kommt allerdings darauf an, wie man sie nutzt und wie viel Macht man ihr einräumt. In unserer Geschichte übernehmen Computer die Herrschaft, zum Glück gibt es jedoch ein positives Ende, bei dem Spiritualität und Humanität zur heilenden Kraft werden. Diese Ambivalenz spiegelt sich übrigens auch in der Musik wieder, da wir im Studio sowohl mit futuristischen Sounds, aber eben auch mit Klavier, Orchester und so weiter gearbeitet haben.

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Stichwort: Orchester, womit wir bei David Campbell sind. Wie kam die Zusammenarbeit mit dem berühmten amerikanischen Komponisten, Arrangeur und Dirigenten zustande?

John Petrucci: Nachdem die Entscheidung gefallen war, dass auf der Scheibe auch ein richtiges Orchester und richtige Chöre zu hören sein sollen, wurde uns bewusst, wie viel Arbeit dies bedeuten wird. Wir wussten, dass man dafür jemanden benötigt, der sich nicht nur mit Rock und Heavy Metal, sondern auch mit Film-Soundtracks auskennt. David Campbell war der erste, der uns in den Sinn kam, und der erste, den wir kontaktierten. Ich schickte ihm die Story und erste Skizzen der Musik, und erfreulicherweise war er einverstanden.

Jordan Rudess: David Campbell hat unglaublich viel Erfahrung mit jeder Art von Musik und Band, sodass er uns genau sagen konnte, was wir innerhalb unseres Konzeptes, unseres Produktionsbudgets und unseres Zeitrahmens zu tun haben. Er half uns dabei, die vielen Einzelheiten zu einem großen Ganzen zusammenzufügen, was wirklich eine Herkulesaufgabe war. Er arrangierte die Parts für das Prager Orchester, das eine Menge Erfahrung mit Film- und Fernseh-Soundtracks hat und unglaublich schnell arbeitet. David besorgte uns einen wundervollen Chor in Los Angeles und einige grandiose Solisten. Der Typ, der auf THE ASTONISHING den Dudelsack spielt, ist beispielsweise derselbe wie im Soundtrack von ´Titanic`.

John Petrucci: Für David war ein solches Rockprojekt ja auch neu, und es war fantastisch zu sehen, dass er, sein Team und alle Musiker mit totaler Hingabe bei der Sache waren. Und für uns war es natürlich eine wundervolle Erfahrung, auch einmal in deren Welt hinein schnuppern zu dürfen. 
Hat dieses Album Dream Theater schon jetzt verändert? Wird es die Band zukünftig stärker beeinflussen als eure Alben zuvor?

James LaBrie: Definitiv, denn die Arbeiten an THE ASTONISHING haben die Band auf ein noch höheres Niveau gehievt. Genau das ist ja unser generelles Ziel, nämlich mit jedem weiteren Album zu wachsen. Doch diesmal war die Herausforderung größer als jemals zuvor. Wenn man John und Jordan vor zwei Jahren erzählt hätte, dass wir einmal mit David Campbell arbeiten werden, hätten sie einem vermutlich den Vogel gezeigt.
Was dürfen die Fans von der Tour im Frühjahr 2016 erwarten? Wird THE ASTONISHING als komplettes Werk auf die Bühne gebracht?

James LaBrie: Ja, denn das ist die einzige Möglichkeit, eine solch opulente Produktion angemessen zu präsentieren. Wir werden das gesamte Album mit einer ganz speziellen Licht- und Videoshow auf die Bühne bringen.

Jordan Rudess: Vor einigen Jahren habe ich in Kanada eine aufregende und sehr innovative Firma kennengelernt, die sich auf interaktive Videos spezialisiert hat und mit der wir ein ganz besonderes Dream Theater- Screenplay kreieren.

John Petrucci: Die Tour im Frühjahr 2016 hat generell ein sehr spezielles Konzept, beginnend bei der Wahl der Auftrittsorte und endend mit einer in sich schlüssigen Produktion, die aus einer Hand stammt und sowohl der Vergangenheit der Band als auch der neuen Scheibe gerecht wird. Die Fans dürfen sich schon jetzt darauf freuen!

(Quelle und Fotos: Warner Music)