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Das wallonische Städtchen Mons im französischsprachigen Teil Belgiens war in popkultureller Hinsicht (mal abgesehen davon, dass sich Schlagerstar Salvatore Adamo einst hier niederließ) tendenziell eher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Dies zu ändern hat sich nun die 19-jährige Alice Dutoit in den Kopf gesetzt. Unter dem Namen Alice On The Roof veröffentlicht die Sängerin und Songwriterin, die bei der Casting-Show „The Voice Belgique“ das Halbfinale erreichte, atmosphärischen Gänsehaut-Pop, der ihr nicht nur gleich mit der Debütsingle „Easy Come, Easy Go“ den ersten Nummer-Eins-Hit in ihrer Heimat bescherte, sondern auch eine Einladung zum renommierten Gent Jazz Festival (!). Ganze 24 Wochen hielt sich der Song in den Top Ten, acht davon an der Spitze der Charts. In Kürze veröffentlicht sie nun mit „Higher“ ihr erstes Album.

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Alices Vater war ein Instrumente erfindender Elektro-Ingenieur, ihre Mutter Architektin. Bereits im Alter von sechs Jahren besuchte sie eine Musikakademie. „Ich lernte Harmoniegesang und sog alle möglichen Einflüsse in mich auf – von Peter Gabriel bis hin zu jüdischer und chinesischer Musik. Ich studierte Klavier und Gesang, war allerdings schon immer besser, was den Ausdruck angeht, als in Sachen Technik.“

Als sie im September 2011 Belgien verließ, um ihr letztes Highschool-Jahr zu absolvieren, landete sie in Brookings, Oregon. „Die südwestlichste Stadt des Staates, direkt am Meer”, erinnert sie sich. „Ich liebe neue Erfahrungen!” Obwohl sie mit Religion eigentlich nichts am Hut hat, schloss sie sich einer kleinen, amerikanischen Community an, zu deren Mitgliedern Mormonen und Protestanten gehören. „Ich ging jeden Sonntag in die Kirche in Begleitung von Menschen, die sich um mich kümmerten und ermutigten. Ich sang jeden Morgen um sieben mit einer Jazzband und arbeitete eine Stunde mit einem fünfzehnköpfigen Chor namens Sea Breezes. Wir sangen Country-Stücke, große amerikanische Songs und Lieder von Sting“, schmunzelt sie. „Ich hatte auch schon in Belgien in einem Chor gesungen, doch in Oregon ging es viel mehr um die Performance. Sie sind nicht so zurückhaltend wie wir. Diese Erfahrung machte mich selbstbewusster und ich wurde am Ende des Jahres sogar zur Prom Queen gekürt.“

ALice_on_the_roof_3

Alice fühlt sich von jeher zur anglo-amerikanischen Popkultur hingezogen, ihr Geschmack für Englisch sprachige Musik (Bon Iver, Beirut) schließt allerdings auch einige nordeuropäische Musiker und Bands mit ein. „Ich bin ein großer Fan von Björk, Sigur Rós und der dänischen Sängerin Oh Land. Sie haben mir beigebracht, meiner Stimme mehr Wärme zu geben“.

2013 nahm Alice in Belgien am TV Talentwettbewerb „The Voice“ teil und lernte im Verlauf der Sendung, „wie man sich auf der Bühne und bei Interviews verhält“. Besonders mit ihrer Interpretation des Serge Gainsbourg-Songs „L’Eau à la bouche“ eroberte sie die Zuschauer im Sturm… doch nicht nur die. Als das Abenteuer im Halbfinale endete, bot ihr einer der Jury-Mitglieder an, mit ihr weiter zu arbeiten. Es war Marc Pinilla, Frontmann der belgischen Band Suarez, der von Alices Stimme so beeindruckt war, dass er ein Album von ihr auf seinem eigenen Label veröffentlichen wollte.

Pinilla und sein Bandkollege Dada schlugen Alice vor, ihre Texte mit der Musik der beiden zu kombinieren. Schließlich hatte Alice die Idee, ihre Demos an den britischen Produzenten Tim Bran zu schicken, der u.a. mit London Grammar, KT Tunstall und La Roux im Studio war.

Alice_on_the_roof_5 - Kopie

„Tim war sofort damit einverstanden, mit uns zu arbeiten. Marc und ich besuchten ihn daraufhin oft in seinem Londoner Studio, wo er eine Sammlung von analogen Keyboards hat. Viele Sounds auf dem Album stammen von einem alten Juno Roland 106 Synthesizer. Die Stimmung auf der Platte reicht von ganz leichten bis hin zu sehr aggressiven Arrangements.

Drei Tracks auf „Higher“ stammen von ihrer EP, die im Frühling 2015 erschien („Easy Come Easy Go”, „Monopoly Loser”, „Like A Dying Rose”), dazu kommen neun brandneue Songs. Sie alle sind durchwirkt von einer Poesie, in der die Bitterkeit des Heranwachsens sanft durch die Paradigmen des Erwachsenenlebens abgelöst wird. „In meiner Zeit, die ich in den USA verbracht habe, war ich sehr sensibel“, erklärt sie. „Ich führte eine romantische Fernbeziehung nach Belgien, die Einfluss auf meine Texte hatte und meine musikalische Entwicklung prägte. Zudem hatte ich beschlossen zu lernen, unabhängig zu sein, indem ich weit von meiner Familie entfernt lebte. Darum geht es in dem Song ‚Race In The Shadows‘. Diese Lektion half mir dabei, das zu tun, was mir in meinem Leben am meisten Angst einflößt: das Singen“, lächelt sie.

Von der zurückgenommenen Ballade „Let Me Down“ zum fast schon funky Groove von „Sound Of Drums“ knüpft das Album ganz zwangsläufig Verbindungen zwischen Melancholie und allerlei anderen Sinneseindrücken, nicht selten in Form eines bezaubernden Versteckspiels. „Ich singe auf Englisch, weil es mir leichter fällt, Dinge in dieser Sprache zu sagen als auf Französisch. Ich vermeide es dabei, allzu direkt zu sein und möchte einen gewissen Interpretations-Spielraum lassen. Die Musikalität der Worte führt zu Emotionen…“

„Ich studiere und möchte Grundschullehrerin werden, sollte es jedoch mit der Musik und den Konzerten richtig abgehen, muss damit möglicherweise aufhören“, sagt sie. „Ich finde alles ziemlich aufregend, tendiere allerdings dazu, die Dinge Stück für Stück an mich heranzulassen, damit ich nicht zu übermütig werde. Ich liebe es, live aufzutreten und das Gefühl, dass ich jedes Wort, das ich singe, auch exakt so meine. Ich bin immer noch die kleine Alice, ich habe kein aufgeblasenes Ego, aber breitere Schultern… und ich würde gerne wieder nach Oregon zurückgehen und dort singen, gerne auch in einem klitzekleinen Club. Die Amerikaner haben mir schließlich dabei geholfen, meine Hemmungen zu überwinden…“